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Achtzig Jahre lang lebt David Vanischwili in einem georgischen Dorf am Rande Europas. Er melkt seine Kühe, bestellt seine Äcker, zieht zwei Kinder groß. Bis die Weltpolitik in seinen Garten einmarschiert, eine Grenze zieht und ihm viel mehr nimmt, als nur seine Felder: seine Tochter Nana.

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Ein Kilometer langer Stacheldraht, der die Familie Vanischwili trennt.  Umarmungen, Wangenküsse, Familienfeste – all das ist Vergangenheit.

David lebt mit seiner Frau in Südossetien, Tochter Nana mit ihrem Mann und dem neunjährigen Sohn in Georgien. Sehen können sie sich nur am Zaun. Das letzte Treffen dort liegt sechs Monate zurück.

Nach dem Kaukasuskrieg im Jahr 2008 zogen russische und südossetische Soldaten eine Grenze zwischen Südossetien und Georgien. Bis heute trennt sie Länder und Menschen.

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Sechs Tage verbringen Nana Vanischwili und ihr Ehemann 2013 im südossetischen Gefängnis. Sie sind auf dem Weg zu einer Beerdigung, als sie die Grenze zu Südossetien übertreten.

Russische Soldaten verhaften sie, nehmen Fingerabdrücke, verhören sie. Stundenlang.

Nana fühlt sich schuldig. Polizisten begleiten sie bis zur Toilette. Erst als Verwandte ein hohes Bußgeld zahlen, lässt man sie laufen.


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Auch Nanas Vater David saß schon im Gefängnis in Zchinwali. Will er sich in Südossetien frei bewegen, braucht er einen russischen Pass. Den hat er nie bekommen. Betritt er georgisches Territorium, will wieder zurück und wird erwischt, hat er verloren.

Schon zweimal haben ihn russische Soldaten festgenommen. Nach Zchinwali verschleppt. Ihn geschlagen. Ihm seine Mütze in den Mund gestopft. Verhört und Lösegeld zahlen lassen.

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David und Nana Vanischwilli sind Opfer eines lang schwelenden Konflikts zwischen drei Ländern: Georgien, Südossetien, Russland.

Seit der Unabhängigkeit Georgiens 1991, kämpft Südossetien darum, ein eigener Staat zu sein. Unterstützt wird es dabei von Russland. Provokationen gab es monatelang auf allen Seiten – bis der Konflikt am 8. August eskalierte. 

Die Folge: ein fünf Tage langes Blutvergießen, 158.000 Menschen wurden vertrieben, 850 starben – die Hälfte von ihnen Zivilisten.

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Nach dem Krieg zog Russland als Unterstützer Südossetiens eine 390 kilometerlange, unbefestigte Grenze zwischen Südossetien und Georgien. Ab 2011 sicherten sie die Trennlinie nach und nach mit Stacheldraht, Zäunen und Posten.

Als Grundlage diente eine Landkarte aus Zeiten der Sowjetunion – aktuelle Karten von Südossetien gibt es nicht. Die neue Grenze zerschneidet Häuser, Felder und Dörfer.

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An manchen Stellen deuten nur Gräben und Furchen eine Grenze an..

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... manchmal endet der
Zaun mitten auf dem Feld.

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Alle der mehr als 200 Grenzschilder
folgen einer klaren Anweisung:
Betreten verboten.

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Mit Kontrolltürmen, Patrouillen und 19 Basislagern entlang der Grenze schürt das russiche Militär Angst und demonstriert, dass es die Region so bald nicht verlassen wird.

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Trotzdem stehlen sich immer wieder Menschen über die Grenze, sei es für eine Hochzeit, oder eine Beerdigung. Freunde feiern Geburtstage zusammen, Bauern treiben ihr Vieh auf ihre Felder jenseits der Grenze.

Wie David und Nana Vanischwili laufen sie nicht selten in die Arme der Grenzsoldaten. 137 Menschen waren es allein im Jahr 2016.

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Über die menschenunwürdigen Zustände an der Grenze, wird seit Langem diskutiert. Forderungen nach Freiheit und Mitbestimmung werden lauter. In Ergneti treffen sich seit 2009 jeden Monat Vertreter beider Länder, um sich anzunähern.

Verbessert haben sie bisher nicht viel. Zu unterschiedlich sind die Interessen, zu festgefahren die Vorstellungen.

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"An der Grenze zu wohnen, bedeutet, dass man die Regierung sowie deren Grenzbedingungen akzeptieren muss und man auch eine Verantwortung hat. Die Regierung muss sich um die Sicherheit der eigenen Bevölkerung kümmern. Südossetien erfüllt seinen Teil. Das fordern wir auch von georgischer Seite."

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"Die russische Politik versucht bis heute ihren Einfluss in den Ländern auch nach der Sowjetunion zu wahren. Dass sich die verschiedenen Ethnien hassen, wie von Russland immer behauptet wird, entspricht nicht der Wahrheit. Russland will aus den Ländern einen eurasischen Teil machen. Deswegen werden bis heute die de facto Grenzen im Kernland in kleinen Schritten immer wieder verschoben und somit auch die Menschen in den Konfliktregionen enteignet."

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Es ist ein Kräftemessen zwischen Russland und Georgien, bei dem es um ein Land geht, das weltweit nur von vier Staaten anerkannt wird. Immerhin schickte die EU 2008 eine Mission in die Grenzregion. Um die Situation zu beobachten.

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Obwohl David Vanischwili die Risiken kennt, zwängt er sich regelmäßig nachts durch den Stacheldraht. Warum? Weil er Hunger hat.

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Als Bürger Georgiens bezieht er eine Rente aus seinem Geburtsland – 180 Lari, umgerechnet 66 Euro. Aber das Geld in georgischer Währung kann er im russisch geprägten Südossetien nicht ausgeben. Manchmal winkt er Nachbarn durch den Zaun heran und kauft ihnen für ein, zwei Lari etwas Brot ab.

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David Vanischwilis größte Angst ist,
wieder festgenommen zu werden
und seine Frau Eteri allein zurückzulassen.
Sie ist krank. Sie braucht ihn.
Genug zu essen, Rente, Freiheit – all das
bekämen sie nur in Georgien.

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Stur sei er, sagt Nana über ihren Vater. Zu stur, um wegzugehen, sein Haus hinter sich zu lassen. Neu anzufangen. Aber unruhig sei er auch, mache sich jeden Tag Gedanken über seine Zukunft.

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Oft habe sie ihm gesagt, er solle zu ihr ziehen. Aber er will sein Haus nicht verlassen, das er selbst gebaut hat. Kann sich ein Leben woanders nicht vorstellen.

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Probleme in der Grenzregion. Damit sind David Vanischwili und seine Familie nicht allein. Doch prägen sie das Leben der Menschen auf unterschiedliche Weise.

Den Schuldigen suchen sie dabei nicht immer in den benachbarten Ländern.

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"Das größte Problem hier ist Wasser. Es gibt nur ein Bohrloch. Der Verbrauch ist hoch, die Gebühren auch. Wenn jemand sein Auto wäscht, haben die restlichen Anwohner kein Wasser mehr.  Wir leben im 21. Jahrhundert und warten auf Regen, damit wir Wäsche waschen können."

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"Seitdem das russische Militär hier ist, kann ich nicht mehr auf die andere Seite. Mein Bruder und meine Schwiegertochter sind gestorben. Ich konnte nicht zu ihrer Beerdigung in Südossetien gehen, weil ich die Grenze nicht überschreiten darf."

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"Während des Kommunismus hatten wir
keine Probleme. Wir haben im Wohlstand
gelebt. Jetzt haben wir nichts mehr, kein
Wasser, keine Straßen. Für uns gibt es keine
Regierung, denn sie denkt nur an sich. Ich
bin traurig. So können wir doch nicht leben."

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"Ich werde auf keinen Fall aufgeben. Ich bin ein Kämpfer, würde jederzeit für mein Land kämpfen und mir das Gebiet zurückholen. Meine Kühe laufen manchmal auf die andere Seite. An dieser Stelle sehen die Russen nicht alles. Aber ich lasse mich auch nicht einschränken und laufe über die Grenze."

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