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Im Schatten der Kinder

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Salma* (35) kommt aus Tiflis, der Hauptstadt Georgiens. Sie ist Russischlehrerin. Ihr Sohn lebt bei ihrem Exmann. Für die Zukunft ihrs Kindes hat Salma drei fremde Babys als Leihmutter ausgetragen.



* Name geändert


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Georgien gehört weltweit zu den wenigen Länder, in denen Leihmutterschaft erlaubt ist. Kinderlose Paare zahlen dort rund 27.000 Euro, damit Frauen ihr Kind gebären. Das Geschäft hat Schattenseiten. Die Leihmütter bleiben zwischen Kunden, Agenturen und Kliniken mit ihrer Situation alleine. Sie werden von der Kirche geächtet und von Nachbarn gemieden.

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“Meine Ehe war problematisch”, sagt Salma. “Er trank. Die Konflikte eskalierten, bis mein Mann zuschlug.” Als die Situation unerträglich wird, zieht sie in ein Frauenhaus und lässt sich scheiden. Als Lehrerin verdient Salma rund 120 Euro im Monat. Davon kann man in Tiflis knapp überleben. Auf sich alleine gestellt, könnte sie nicht mal ihre Miete zahlen.

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Eine Bekannte erzählt Salma von Leihmutterschaft. Sie kann an einem Kind 15.000 Euro verdienen. So viel wie eine einfache, kleine Wohnung kostet. Dafür müsste sie als Lehrerin zehn Jahre lang arbeiten. "Doch Leihmutterschaft ist immer noch ein heikles Thema, aus christlicher Sicht eine Sünde. Nur wer keine andere Wahl hat, geht diesen Weg."



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Die orthodoxe Kirche prägt die georgische Gesellschaft. Im Alltag ist der Glaube immer präsent. Auch wenn sie es eilig haben, bleiben Passanten stehen, um sich zu bekreuzigen - selbst wenn der Dom nur durch eine Häuserlücke zu sehen ist. 83 Prozent der Bevölkerung gehören der Kirche an. Sie lehnt Leihmutterschaft ab.

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Der Patriarch, Ilia II. ließ 2014 in seiner
Weihnachtsansprache verkünden:

„Kann eine Familie glücklich sein, wenn ihr Kind von einer Leihmutter geboren wurde? Dieses Kind wird durch seine Geburt dazu verdammt, ungeliebt, einsam und ohne Zukunft zu sein. Selbst wenn die Kinder in Wohlstand aufwachsen...“ 

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Die Familie von Salma ist sehr gläubig. Mit ihr hat  sie nicht über die Leihmutterschaft geredet. Als sie ihren  Bauch nicht mehr verstecken konnte, erzählte sie, dass sie für einige Zeit im Ausland arbeiten würde. In Wahrheit zog Salma in eine spärlich eingerichtete Wohnung in einem anderen Bezirk.

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Leihmütter können kinderlosen Eltern das bieten, was Adoption nicht kann: Der Embryo kann aus dem Genmaterial der Paare entstehen.  Alleine in Deutschland sind sechs Millionen Menschen ungewollt kinderlos.






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In Georgien ist Leihmutterschaft ein wachsender Wirtschaftszweig. In Deutschland ist Leihmutterschaft dagegen illegal. Kinder aus diesem Geschäft haben kein Anrecht auf einen deutschen Pass. Andere europäische Länder erkennen sie an.







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Hea* (34) kommt aus Tiflis. Sie ist glücklich verheiratet, Hausfrau und Mutter. Mit ihrem Mann hat sie zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter im Grundschulalter. 




*Name geändert
 

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Hea war zweimal Leihmutter, im Jahr 2010 und 2012. Die zweite Schwangerschaft verlief problematisch. Die Zwillinge starben kurz nach der Geburt. Hea streitet bis heute mit den Kunden vor Gericht um ihr Honorar.




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Während der zweiten Schwangerschaft zog die Familie in eine Militärsiedlung am äußeren Rand der Stadt. Soldaten im Ruhestand verkaufen ihre Wohnungen an Familien mit geringem Einkommen. Von außen sehen die Wohnblöcke unbewohnt aus. Putz, Farbe und sogar Haustüren fehlen. Hea fühlte sich an diesem Ort unwohl. In der Siedlung fielen ihre häufigen Arztbesuche in die Innenstadt auf. Bald ahnten die Nachbarn, dass sie als Leihmutter arbeitete. 

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Agenturen organisieren den Kontakt zwischen Fruchtbarkeitsklinik, Leihmutter und den künftigen Eltern, nur homosexuelle Paaren sind durch die Gesetzgebung ausgeschlossen. Die Eizelle wird mit den Spermien befruchtet und der Leihmutter eingesetzt. Das Ei darf nicht von der Leihmutter sein, denn sie soll keine emotionale Bindung zu dem Kind entwickeln.

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Meist wird die Leihmutter erst nach mehreren Versuchen schwanger. Während der Embryo im Körper der Frau heranwächst, erhält sie monatlich 300 Euro. Davon soll  sie gesundes Essen und die Arztkosten zahlen. Nach der Geburt sieht sie das Kind nicht, denn sie hat bereits alle Rechte an die Kunden abgegeben. Bei einer Fehlgeburt soll ein Ausfallhonorar gezahlt werden, doch nicht immer halten die Agenturen sich daran.

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Die Kunden sollen nach der Geburt keine Beziehung zu den Leihmüttern haben, trotzdem kommt es immer wieder vor. Das wollten die Familien auch bei Salma und Hea. Sie schicken ihnen Bilder. "Pazi haben sie ihn genannt", erzählt Hea über ihr erstes Kind aus der Leihmutterschaft. "Er heißt Sonnenstrahl, weil ich ihnen Sonne im Leben geschenkt habe." Die Bilder heben beide Frauen auf, sie werden gehütet wie ein Schatz. 

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Wie viele Leihmütter in Georgien arbeiten und wie viele Kinder auf diese Weise geboren wurden, zeigt keine offizielle Statistik. Agenturen, Kliniken und das Land geben keine genauen Auskünfte über Herkunft, Anzahl und Kosten der Kunden und Leihmütter. 





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In Tiflis gibt es mindestens fünfzehn Agenturen, die Leihmütter vermitteln. "Derzeit haben wir knapp 300 Frauen in unserer Kartei", sagt Ekaterine Iashvili, Direktorin von New Life Georgia. "Davon sind 92 schwanger. Pro Monat kommen circa zehn hinzu." Iashvili sieht in der Leihmutterschaft kein Geschäft, sondern ein Geben und Nehmen zwischen armen Frauen und kinderlosen Paaren.









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Alexander Tsereteli arbeitet in der Fruchtbarkeitsklinik In Vitro in Tiflis als Berater für ausländische Paare. Seiner Erfahrung nach gehen 90 Prozent der Leihmütter das Geschäft aus finanzieller Not ein und nur zehn Prozent um zu helfen. "Mehr als die Hälfte der Frauen lebt von Sozialhilfe. Sie lassen sich von den Kunden das Geld auf einen anderen Namen überweisen, damit die Unterstützung nicht gekürzt wird." 


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Heute möchte Hea nicht noch einmal Leihmutter sein. Im vergangenen Jahr war sie mit einem eigenen Kind schwanger. Sie ertrug die Erinnerung nicht. Durch die Leihmutterschaft hat sie körperliche und seelische Verletzungen. Sie musste die Schwangerschaft abbrechen. Trotzdem blickt sie auch positiv auf das Geschäft zurück. Das Geld hat ihrer Familie in einer schweren Phase geholfen. Schulden konnten beglichen und die Wohnung renoviert werden.

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Salma erklärt ihren plötzlichen Wohlstand damit, dass sie im Ausland gut verdienen und während der Ehe sparen konnte. Alle Unterlagen und die Schwangerschaftskleidung hat sie verbrannt. Bis heute lebt sie mit dem Geheimnis –  in einem anderen Bezirk, abseits der Innenstadt. Salma hofft, eines Tages mit ihren Eltern und vor allem ihrem Sohn offen darüber sprechen zu können.





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“Es ist eine Sünde”, sagt Salma. “Aber ich bereue es nicht. Ich würde es noch einmal machen, wenn ich könnte. Auch umsonst, denn man schenkt Leben.” Während der Leihmutterschaft muss die Frau verschiedene Medikamente zu sich nehmen, vor allem Hormone. Das kann das Risiko einer Schwangerschaftsvergiftung erhöhen. Auch Salma litt an einer Vergiftung, sie lag monatelang im Bett. Diese Zeit hinterließ bleibende, körperliche Beschwerden. “Auch seelisch kann ich es nicht mehr, ich bin leer.”

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